Bau & Verkehr

Architektur in Bremen -
eine Geschichte der Peinlichkeiten

Die Geschichte der Architektur in Bremen ist eine Aneinandereihung von Peinlichkeiten und architektonischen Irrungen, über die heute keiner mehr spricht. Ganz im Gegenteil:

WK spricht von Verbindung historischer Fassaden
mit moderner Architektursprache

In einer Verlagssonderseite (22.6.11) für den "Tag der Architektur" berichtet der Weser-Kurier, daß die Architektenkammer Bremen dazu einlädt, Architektur "live" zu erleben.
Im Artikel heißt es: "Über anderthalb Jahre erregte eine Baustelle an der Domsheide Aufsehen: Der Börsenhof B und der Petrihof wurden umgebaut und aufgestockt. Die Planer verbanden historische Fassaden mit moderner Architektursprache."
Am 23.6.11 heißt es diesmal über den Börsenhof:
".... Interessant, wie Alt und Neu harmonieren und wie der offene Grundriss im Inneren differenzierte Sichtbeziehungen zu dem historischen Umfeld erlaubt."
Harmonie von Alt und neu?! - Fragt man Bremer Bürger bekommt man andere Meinungen. Da ist dann mehrheitlich von Verschandelung historischer Gebäude die Rede.
Und weiter gehts mit den WK-Lobhudeleien für extreme Bausünden. Er spricht von dem Bürogebäude „Energy Office“ in der Überseestadt von einem "innovativen Bürogebäude". Dort hätte sich in den vergangenen Jahren architektonisch viel getan.
Das "innovative Bürogebäude mag technisch innovativ sein. Architektonisch ist es an Einfallslosigkeit nicht zu überbieten und reiht sich damit in die peinliche kreativfreie Bremer "Führerbunkerarchitektur" ein.
Doch geht man zeitlich ein wenig zurück, kann man schnell feststellen, daß Bremen nichts aus seinen Fehlern gelernt hat.

Wird Bremen immer häßlicher?

Was Bremen unter seiner SPD-Regierung nach dem Krieg an architektonischen "Verbrechen" begangen hat, indem es wunderschöne historische Gebäude abriss, kann man in dem Buch des Professors der Bremer Hochschule für Künste, Klaus Warwas, nachlesen. Das Buch "Wird Bremen immer häßlicher" , in dem der Hochschulprofessor schon 1977 bemängelte, daß die Stadt verschandelt würde, findet man in der Stadtbibliothek - gleich neben Pamphleten der Bremer Landesregierung zum Thema Stadtentwicklung, in denen mit keinem Wort diese Zerstörung erwähnt wird.

Hier ein Auszug aus einer Liste von wunderschönen historischen Gebäuden in Bremen, die, obwohl sie hätten erhalten werden können, rigoros abgerissen wurden:
altes Lloydgebäude
Museum Domshof (Ecke Schüsselkorb)
Altes Postamt Domsheide
H
aus Cäsar (Domshof 21)
Villa Schwachhauser Heerstr. 247
Senatsgästehaus Parkallee 14
Villa Goebenstr. 34
Haus Am Wall 192
(abgerissen 1967)
Haus Am Wall 137-139 jetzt "Kleine Wallpassage"
Villa Kolhökerstr. 29 (jetzt Landeszentralbank)
Weiter wurde im Schüsselkorb von der Commerzbank ein historisches Gebäude abgerissen.
(nicht alle können aus rechtlichen oder Kostengründen hier mit Foto gezeigt werden, da staatliche Stellen sich sperrten Bilder herauszugeben bzw. es an den Kosten scheiterte. Wer noch über Bilder verfügt und diese zur Verfügung stellen will, kann sie gerne per Mail schicken)

Das Lloydgebäude -
Abriss eines architektonischen Juwels 1968

Das schlimmste Beispiel solcher Maßnahmen, die man schon als Irrsinn bezeichnen kann, ist das Lloydgebäude, das 1969 abgerissen wurde, um dem Kaufhaus Horten (heute Galeria Kaufhof) Platz zu machen.
Zu der Zeit also, als Bremen von den Sozialdemokraten regiert wurde und durch die Werftindustrie reich war. Der Bremer Staat hatte es damals also nicht nötig ein solch architektonisches Juwel zu verscherbeln.
Zu einer Zeit als "Linke Revolutionäre" bei Demos wegen ein paar Pfennig höherer Straßenbahngebühren Polizisten die Zähne ausschlugen oder sie mit Säure bespritzten. In vorderster Front damals Linke, die danach den "Marsch durch die Instanzen" antraten - womit sie meinten das "Establishment" von innen heraus zu stürzen - aber dann im gutgestrickten sozialen Netz des öffentlichen Dienstes hängen blieben. Einige haben es via SPD zu Bremer Würdenträger" mit hohem Gehalt gebracht. Um den Erhalt solcher schönen Gebäude scherte man sich damals nicht.


Das Lloydgebäude (© Staatsarchiv)

Unten Teilansicht (© Staatsarchiv)



So wie außen war das Lloydgebäude auch innen reich verziert.

Ebenfalls ohne jede Notwendigkeit wurde das alte Museum am Domshof 1950 abgerissen.
(© Staatsarchiv)

Landesamt für Denkmalpflege weigert sich
Fotos zur Verfügung zu stellen

HBpublik bat das Landesamt für Denkmalpflege um Fotos aus obiger Liste für diesen Beitrag ,doch die Behörde erklärte nach anfänglicher Zusage, dass man Fotos nur für "wissenschaftliche Zwecke" herausgebe.
Doch die Weigerung kam erst, nachdem HBpublik die Gebäude spezifizierte, die in Bremen zerstört wurden. Anscheinend möchte auch das Landesamt für Denkmalpflege nicht an dieses dunkle Bremer Kapitel erinnert werden. Das Staatsarchiv stellte die Fotos - gebührenpflichtig zur Verfügung. im Juli 2011 lief eine Auststellung im Staatsarchiv. Deren Thema: "Zeitdokumente zweier Generationen". Dort wurde fotografisch architektonische Veränderungen in Bremen aufgearbeitet. Leider waren die Bremer Abrissskandale kein Thema. Auch hier läßt sich nur vermuten, daß nicht an dieses dunkle Bremer Kapitel erinnert werden soll.

Verkehr
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Gesundheitswesen
Allgemein

Infos über Vorgänge und Probleme im Bereich Bau, Straßenverkehr, Beschilderung.

Doch wer meint, Bremens Sozialdemokraten wären nach der Abrissorgie in den 50er und 60er Jahren architektonisch aufgewacht, der irrt.
Es gab auch in den 80er und 90er Jahren weitere Abrisse von schützenswerten Gebäuden oder Verschandelung von bestehenden. Fast immer waren die Bremer Medien zur Stelle, um das jeweilige Vorgehen mit "Modernisierung" zu rechtfertigen.

Abriss einer alten Villa
trotz historischer Bedeutung

Da wäre z. B. das frühere "Senatsgästehaus" in der Parkallee 14. Es war ein wunderschönes alte Villa. Es wurde 1990 unter der "Ampelkoalition (SPD, Grüne, FDP) abgerissen, nachdem es vom Senat an die Maritim-Gruppe verkauft wurde, obwohl es im Kaufvertrag den Passus gab, "das Gästehaus wegen seiner historischen Bedeutung pfleglich zu behandeln", Ermöglicht wurde das, indem es einfach nicht unter Denkmalschutz gestellt wurde. Ein Trick übrigens mit dem der Bremer Staat auch später schützenswerte Gebäude abreißen ließ.
SPD-Finanzsenator Grobecker verteidigte den Abriss. Er wäre rechtens gewesen. Der Passus im Vertrag sei nicht rechtsverbindlich gewesen. Konsequenzen für die tumben Beamten, die solch einen Vertrag unterzeichneten: selbstverständlich keine.

Abriss einer hundert Jahre alten Art-Deco-Villa 2005

Im nächsten Foto sieht man eins von diesen "zeitlosen" Bremer Bürogebäuden an der Parkallee 5 (Ecke Rembertitunnel). Dort stand vorher eine architektonisch hochinteressante hundert Jahre alte Villa, das Hausbesetzer im Jahr 2002 zu retten versuchten. (Leider verfügen wir über kein Foto. Wer eins hat vom der alten Villa bitte melden) Bis 2005 hielten sie durch. Sie wurden mit Polizeigewalt vertrieben und zu einer Geldstrafe verurteilt. Eine Geldstrafe hätte aber eher für die verantwortlichen gepaßt, die dieses Gebäude abreißen ließen.
Das Gebäude wurde an die "Weser-Wohnbau" verkauft, die die Villa 2005 abreißen ließ. Der damalige Redakteur des Weser-Kurier, Volker Junck schrieb am 23.3.2005 dazu: "Ehemalige Schmuddelecke in der Parkalle ist jetzt feine Adresse"! Weser-Wohnbau hätte nun ein Gebäude "hochgezogen", das in Korrespondenz mit den hundert Jahre alten Gebäuden gegenüber ein ansprechendes Ensemble abgibt! Er meinte damit allen ernstes dieses Gebäude Foto unten. (.

Trotz solcher Methoden bekommt die Firma "Weser-Wohnbau" aktuell ein Grundstück an der Admiralstraße zugesprochen. Zur Zeit ist es eine Grünfläche mit schönen alten Bäumen, die der Bremer Staat verrotten läßt. Dort will das Unternehmen im typischen Bremer Stil, damit wieder eine "ehemalige Schmuddelecke zur feinen Adresse wird", Wohnungen bauen.
Die von den Grünen dominierte Organisation "Leben in Findorff", die sich fälschlicherwiese als Bürgerinitiative präsentierte, aber ein Ableger der Grünen ist, hatte dort das Privileg über Jahre seine Werbeschilder aufzuhängen.

Woanders heißt es Stilbruch - in Bremen:
"Verbindung von historischer Fassade mit moderner Architektursprache"

So wie unten sieht es aus, wenn laut Weser-Kurier die Planer "historische Fassaden mit moderner Architektursprache" verbinden. Oder wie "Alt und Neu harmonieren":

Nähe Börsenhof

Aufbau auf historischem Gerichtsgebäude. Jedem privaten Hausbesitzer wäre so etwas bei seinem denkmalgeschütztem Haus untersagt worden.

Zeitlose Architektur
hielt 30 Jahre

In Bremen gab es schon mal eine solche "zeitlos moderne" Architketur. Es waren die Hochhäuser von Osterholz Tenever. Die waren so zeitlos, dass ein Teil nach gerade Mal 30 Jahren abgerisssen wurde.

Der "biegsame" Denkmalschutz in Bremen

Während architektonisch nichtssagende Gebäude wie der Radio Bremen-Sendesaal (wegen seiner "unsichtbaren" Akkustik) und die sogenannte Missler-Halle auf dem "Gestra"-Gelände in Findorff unter Denkmalschutz gestellt werden, werden schöne stuckverzierte Häuser aus dem neunzehnten Jahrhundert rigoros abgerissen, wie hier aktuell im Findorff in der Neukirchstraße.

Ob Bremen auch an dieser Stelle seine "Führerbunker"-Architektur weiter betreibt ist nicht bekannt.
Auf jeden Fall wurde wieder ein baulicher Zeitzeuge für ein typisches Altbremer Haus zerstört.
Um so unfassbarer, als man sich - wie in diesem Fall die Findorffer Baugesellschaft ESPABAU - an anderer Stelle in Findorff in vorbildlicher Weise bemühte, nach einer Wärmedammungsmaßnahme Stuckfassaden naturgetreu wieder nachzubilden.

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